Gedanken von Peter Wittkampf
In Bischof Friedrich Kaisers Buch „Der Ruf aus den Anden“ (1988) schließt das erste Kapitel, die „Einführung“, mit der Frage nach der Zukunft der Genossenschaft „Misioneras de Jesus verbo y victima“ (MJVV). Bischof Friedrich gibt sich selbst – und seinen Lesern – folgende Antwort: „Sie liegt in Gottes Hand. ER hat gegründet; wir waren IHM Werkzeug. Und ER sorgt weiter. Das ist unser sternhelles Hoffen.“ (S. 23)
Das ist nicht nur ein sehr bemerkenswertes Zeugnis seines Gottvertrauens, sondern auch das genaue Gegenteil einer etwaigen Eitelkeit! Er sagt eben nicht z. B. „Gott, lass mein Werk weiterwachsen, möglichst spektakulär!“ Er weiß vielmehr: Das Werk wurde von Gott (!) gegründet. Und man muss ihm für alles Bisherige dankbar sein. Aber man sollte jederzeit auch für die Möglichkeit bereit und offen sein, dass es anders weitergeht als gedacht oder erhofft. Bisher galt: „Wir waren IHM Werkzeug.“ Ob es weitergeht – und wenn ja, auf welchen Wegen, mit welchen Zielen oder mit welchen „Werkzeugen“, muss man ihm überlassen. In jedem Falle gilt: Gott „sorgt weiter“.
Besser und schöner als in der Aussage Bischof Friedrichs können Bescheidenheit, Dienstbereitschaft, Gottvertrauen und Offenheit für die Fügungen und Führungen Gottes kaum ausgedrückt werden! Übrigens: Die Genossenschaft der MJVV-Missionsschwestern hatte, als Friedrich Kaiser das Buch schrieb, etwa 300 Mitglieder. Heute sind es über 500!
Das oben wiedergegebenen Buchzitat endet mit einem Satz, über dessen entscheidende Wörter sich ein genaueres Nachdenken lohnt, nämlich: „Das ist unser sternhelles Hoffen“. (s. o.)
„Unser …“
Bischof Kaiser sagt nicht „mein“, sondern „unser“. Er stellt sich bewusst nicht selbst ins Zentrum. Deutlich wichtiger ist ihm seine Gemeinschaft mit den Schwestern – und vielleicht auch mit allen, die ihnen verbunden sind. Nicht das „Ich“, sondern das „Wir“ ist für ihn das wesentliche Prinzip. Er beansprucht keine herausgehobene Stellung für sich selbst!
Entsprechende Gedanken entfaltete übrigens Papst Franziskus in seiner Katechese am 13. Februar 2019, als er in aller Deutlichkeit darauf hinwies, dass z. B. im Vaterunser-Gebet nirgendwo das Wort „Ich“ vorkommt, sondern immer nur von „uns“, „wir“ und „unser“ die Rede ist.
„… sternhelles …“
„Sternhell“: Es gibt nicht immer nur „eitel Sonnenschein“ im Leben, sondern auch „dunkle“ Zeiten. Letzteres gilt im Leben einer Schwesterngemeinschaft genauso wie im Leben einer Familie oder eines einzelnen Menschen. Das weiß auch Friedrich Kaiser nur zu gut! Und gerade in solchen Phasen sollte man nicht auf ein sich veränderndes, unzuverlässiges Licht angewiesen sein, wie das beim Mond durch die Mondphasen der Fall ist. Bei Neumond sieht man das Mondlicht z. B. gar nicht. Bei den Sternen ist das in der Regel anders. Ihr Licht bleibt hell. Der Polarstern z. B. diente immer schon den Seefahrern als Orientierung.
„… Hoffen“
Das „Hoffen“, das Friedrich Kaiser meint, basiert einerseits auf einem verlässlichen Licht, das uns den Weg weist. Richtiges, überzeugtes und überzeugendes Hoffen kann aber andererseits sogar selbst zu einer Lichtquelle werden, nicht nur für die eigene Person, sondern auch für andere Menschen, kann ihnen Orientierung geben, Beispiel oder Ansporn sein und zu ihrer Rettung beitragen. Es kann ein Licht sein, nach dem sie sich richten – und an dem sie sich auf-„richten“ können.
Wohl nicht zufällig gebraucht Friedrich Kaiser nicht die – eher abstrakte – Vokabel „Hoffnung“, sondern er bevorzugt den Ausdruck „Hoffen“: „Sternhelles Hoffen“. Die Hoffnung ist ein außerordentlich hohes Gut, das uns geschenkt wurde. Der Apostel Petrus z. B. schreibt von der „lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“. (1 Petr 1,3) Das ist etwas Wunderbares. Aber sollten wir nicht auch selbst etwas dafür tun und uns aktiv beteiligen, um mit der Gnade Gottes mitzuwirken? Sollten wir uns nicht auch durch konkretes Handeln als „Hoffende“ erweisen? Beim Propheten Hosea im Alten Testament heißt es: „Bewahre die Liebe und das Recht / und hoffe immer auf deinen Gott!“ (Hos 12,7) Vielleicht hat Friedrich Kaiser auf die Bedeutung eines solchen „aktiven Hoffens“ hinweisen wollen!