Auf den Spuren Friedrich Kaisers

Oder: Eine Reise in die Vergangenheit

Heute: Vussem bei Mechernich / Reisebericht vom 27. und 28. März 2017 / Fotos: Peter Plützer, Vussem


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Blick vom Hang auf die Villa und der angebaute Noviziatsflügel

Irgendwo zwischen Euskirchen und Köln sitze ich im Zug. Plötzlich: Eine Störung wird per Lautsprecher mitgeteilt. Der Zug hält. Ich schaue in die weite Landschaft. Ich habe Zeit, Zeit nachzudenken. Ich denke an die letzten zwei Tage. Ich komme soeben zurück aus einer anderen Zeit, bin sozusagen auf der Heimkehr von einer Zeitreise. Meine kleine Exkursion führte mich in die Voreifel, nach Mechernich, genauer: in den kleinen Weiler Vussem. Hier war Bischof Friedrich Kaiser einst, vor über 90 Jahren, als Novize im Missionshaus der Hiltruper Herz-Jesu-Missionare.

Erst gestern, am Montag, dem 27. März, bin ich vormittags mit dem Zug von Dülmen über Essen und Duisburg bis Köln gefahren. Diese Strecke dürfte 1926 auch Friedrich Kaiser genommen haben, auch wenn er bereits von Hiltrup aus aufgebrochen sein sollte. Doch statt mit dem Zug fahre ich ab Köln mit dem Fahrrad weiter: zunächst die schnurgerade Aachener Straße hinaus nach Westen, dann durch ein Gewirr von Autobahnen und Schnellstraßen nach Süden, vorbei an Frechen und Hürth in die schier endlose Weite der Zülpicher Börde. Noch lange lassen sich am rückwärtigen Horizont die Kölner Domtürme sowie der Fernsehturm erkennen. Als sie schließlich dem Blick entschwunden sind, tauchen vor mir die sanften Ausläufer der Eifel auf; aber sie sind noch weit weg. Schon ist es früher Abend, doch es bleibt noch immer außergewöhnlich warm, wie schon den ganzen Tag. Ich komme durch kleine, etwas verträumte Dörfer. In einer Bäckerei werde ich in breitester rheinischer Mundart begrüßt. Gegen 19.00 Uhr komme ich nach Mechernich. An der zweispurigen Gleisanlage, der „Eifelstrecke“ Trier-Köln, warte ich mit anderen Passanten lange, bis sich die niedergelassenen Schranken wieder heben.

Ich fahre durch Mechernich und gleich die drei Kilometer weiter bis Vussem, einem kleinen Dorf mit rd. 800 Einwohnern. Die Ortschaft liegt im sanften Tal des Feybachs. Schon am Ortseingang von Vussem entdecke ich linker Hand an einem Hang die einstige Fabrikantenvilla und spätere Niederlassung der Herz-Jesu-Missionare. Das markante Aussehen des Gebäudes ist mir von einer alten Ansichtskarte vertraut. Doch über den gesamten Berghang unterhalb des Anwesens, wo sich einst grüne Wiesen und Gärten bis hinab zur Dorfstraße ausbreiteten, erstreckt sich heute eine gewaltige Industriehalle mitsamt Rangier- und Lagerplatz.

Ich schiebe das Fahrrad den Hang hinauf und stehe vor dem alten Gemäuer, in dem heute der „Wohnverbund Sanden“ seine Niederlassung hat. „Seit vierzig Jahren eine Erfolgsgeschichte“, so habe ich auf der Internetseite gelesen. Menschen mit seelischen Erkrankungen bzw. geistigen Behinderung werden Hilfen und Leistungen angeboten, damit sie einmal „ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen“. Den hier wohnenden und betreuten Menschen, „Klienten“ genannt, werden Angebote zur Freizeit und Beschäftigung bereitgehalten sowie Möglichkeiten zur Arbeit geboten.

WegkreuzAn der Hofeinfahrt erwartet den Besucher ein Wegkreuz, offenbar noch ein Überbleibsel aus der Klosterzeit. Ebenfalls an die kirchliche Vergangenheit scheint ein großes bleiverglastes Fensterbild zu erinnern, dessen Motiv sich mir aber im Augenblick von außen nicht recht erschließt. Ich lasse mich von einem Bewohner zum Eingangsbereich des Hauses führen. Dann stehe ich in einer herrschaftlichen Empfangshalle: Ein repräsentatives Treppenhaus erstreckt sich vom Erdgeschoss ins erste Obergeschoss, umgeben von einer stilvollen Galerie. Nicht nur von außen, auch im Innern erinnert alles unverändert an die ursprüngliche Geschichte der Fabrikantenvilla. Eine junge Dame, vermutlich die Nachtwache, begrüßt mich. Ich stelle mich vor, erkläre mein Interesse an dieser Örtlichkeit und frage, ob ich mich im Hause mal umschauen dürfe. Ich erfahre, dass die Hausleitung schon im Feierabend sei, ich solle morgen wiederkommen.

Da es in Vussem keine Fremdenzimmer gibt, fahre ich zurück nach Mechernich und suche mir ein Quartier. Dass Mechernich kein Zentrum des Tourismus ist, ahnt man gleich. Umso mehr überrascht mich in drei Pensionen die stets gleichlautende Auskunft, man sei ausgebucht. Endlich komme ich im „Mongolischen Hof“ am Rande von Mechernich unter.

Die Empfangshalle: der Eingang zum Büro der HausleitungAm nächsten Morgen begebe ich mich in die Innenstadt, um in einer Bäckerei zu frühstücken. Gut gestärkt geht es anschließend auf dem Fahrrad nach Vussem. Gegen halb zehn bin ich wieder in der Villa des „Wohnverbunds Sanden“. Peter Plützer, der Einrichtungsleiter begrüßt mich freundlich in seinem Büro und hört interessiert zu, als ich ihm mein Interesse an Friedrich Kaiser und dessen Spuren aus Noviziatszeiten schildere. Auch das Büro ist, wie die schon geschilderte Empfangshalle, dunkel-gediegen vertäfelt; ebenso stammt der gewaltige Schreibtisch von Peter Plützer offenbar aus der Anfangszeit des Hauses und dem Nachlass seiner ursprünglichen Bewohner. Plützer ist sofort bereit, mich durch das geräumige Haus und über das umgebende Areal zu führen.

IMG 88291Zunächst darf ich die Empfangshalle mitsamt dem riesigen Fensterbild in Augenschein nehmen: Eine lebensgroße Herz-Jesu-Darstellung, vor ihr kniet eine Ordensfrau, vermutlich die hl. Margareta Alacoque. Der eindrucksvolle Treppenaufgang ist durch Blumendekorationen verstellt und nicht begehbar. Ich folge Peter Plützer, der in einer Tür in der Holzvertäfelung verschwindet. Und schon stehen wir in einem kleineren Treppenhaus, mit schöne alten Fliesen und prachtvollem schmiedeeisernen Treppengeländer. „Der Hauseingang und das Treppenhaus für das Gesinde und für Lieferanten“, erklärt mir Plützer. Die „gute alte Zeit“ vor dem Ersten Weltkrieg war eben sehr standesbewusst, mit allen Konsequenzen. Wir gelangen ins erste Obergeschoss und betrachten nun von der Galerie aus das große Fensterbild. Es leuchtet eindrucksvoll im Sonnenlicht.

Wir gehen weiter durch einen breiten Mauerdurchbruch. „Hier schließt sich der Wohntrakt an, den die Herz-Jesu-Missionare anbauten, nachdem sie 1926 das Haus übernahmen“, erfahre ich. Ein Rundbogen aus Ziegelstein bildet die letzte Erinnerung an die hier angelegte Hauskapelle. Die aktuelle Seite über Vussem bei „Wikipedia“, so habe ich mich zuhause schlau gemacht, zählt noch immer die „Kapelle im ehemaligen Missionshaus“ als eine der drei Attraktionen des Dorfes (darunter der römische Aquädukt) auf. Aber das ist schon Vergangenheit. Denn erst vor wenigen Jahren wurden Zwischendecken und Wände in den Kapellenraum eingezogen: Wohnraum für die hier lebenden Menschen. „Gottesdienst gibt es aber weiterhin einmal im Monat“, erzählt mein Begleiter. Dann feiert ein Priester im großen Mehrzwecksaal die Heilige Messe. Hier, wo der frühere Wohnbereich der Novizen an die frühere Fabrikantenvilla grenzt, befindet sich ein weiteres Treppenhaus. Wir gehen hinunter und raus in den Außenbereich. Ein altes Stallgebäude erinnert an die Landwirtschaft, die von den Missionaren für die Selbstversorgung betrieben wurde. An jedem der beiden Spitzgiebel kann man noch ein Kruzifix bzw. eine Christusfigur erkennen. In modernen Stallungen werden auch heute noch Schweine gezüchtet. Sie aalen sich in der Sonne oder liegen drinnen auf sauberem Stroh. Eines Tages werden sie im Hofladen der Einrichtung landen.

Herz-Jesu-Skulptur im früheren GartenWir verlassen den landwirtschaftlichen Bereich und stapfen den Berghang hinauf. Nach wenigen Schritten befinden wir uns oberhalb des alten Missionshauses, schauen von der frühlingshaften Wiese auf den Ort hinunter. Eine monumentale Herz-Jesu-Skulptur, eingewachsen im Gestrüpp, hat seit Jahrzehnten Wind und Wetter getrotzt und hebt segnend die Hand zum früheren Kloster hin. Einige Esel grasen entspannt und lassen sich nicht ablenken. Im hellen Frühlingslicht, zwischen weißen Kirchblüten wirkt das alte Anwesen zauberhaft.

Zurück am Haus, entdecke ich eine weitere religiöse Hinterlassenschaft: eine aus zerschlagenen Kacheln zu einem Mosaik gelegte Mariendarstellung, versehen mit der Beschriftung: „Unsere Liebe Frau vom Heiligsten Herzen Jesu, bitte für uns!“ Der kleine Bildstock ist von Rosen umrankt.

Wir haben das Anwesen jetzt einmal umrundet und stehen vor dem kleinen Wegkreuz an der Zufahrt, das mir gleich als erstes aufgefallen war. Peter Plützer hat mit seiner Handy-Kamera fleißig fotografiert und ist so freundlich, mir die Bilder umgehend zuzusenden. Nach dieser überaus gastfreundlichen und zuvorkommenden Begegnung schwinge ich mich wieder aufs Fahrrad. Es ist Mittagszeit. Doch mein Weg ist nicht weit. Plützer hat mich auf Albert Velser hingewiesen: ein rüstiger Rentner, „Chronist“ von Vussem.

Er und seine Frau empfangen mich in ihrer Wohnung. Albert Velser stammt gebürtig von hier. An die Zeit der Hiltruper Missionare, die 1968 endete, kann er sich noch gut erinnern. Zwar blieben die Novizen in der Regel nur ein Jahr hier, waren aber im Dorf präsent. Man sah sie etwa, wenn sie gemeinsam „Ausgang“ hatten. Auch der Pfarrer der 1941 errichteten Dorfkirche, wo Velser auch Ministrant war, war ein Hiltruper Missionar und wohnte sogar in einem eigenen Pfarrhaus. Albert Velser war als Kind gelegentlich mit den Eltern im Missionshaus, um dort in der schon erwähnten Hauskapelle die Frühmesse am Sonntagmorgen zu besuchen.

Albert Velser gibt bereitwillig Auskunft; er ist erkennbar „im Thema“. Vor mehr als 25 Jahren hat er eine Dorfchronik verfasst und herausgegeben. Sie ist längst vergriffen. Er zeigt mir ein Exemplar: Ich finde die mir bekannte Postkarte vom „Missionshaus Vussem“, allerdings in einer Vorkriegsausgabe, noch in der damals gebräuchlichen Sütterlin-Schrift beschriftet. Schon bald, irgendwann nach Ostern, berichtet Albert Velser, wird es eine deutlich erweiterte Neuausgabe der Dorfchronik geben, die nun auch die 25 Jahre seit der letzten Ausgabe umfassen wird. Auch weitere Fotos wird sie erhalten, so auch einen Innenansicht der Klosterkapelle. „Wir haben das vor einiger Zeit gar nicht mitbekommen, dass die Kapelle in Wohnraum verwandelt wurde“, erzählt er. Umso wichtiger sei es, diesen Sakralraum der Herz-Jesu-Missionare zumindest in Erinnerung zu behalten.

Villa mit den Fenstern des Gesinde-TreppenhausesVon Albert Velser erfahre ich einiges über die Entstehungsgeschichte der Fabrikantenvilla, die 1926 die Hiltruper Missionare übernahmen. Albert Velser hat auch darüber auf der Website www.vussem.info einiges veröffentlicht: „Der Fabrikant Peter Girards ließ sich in den ersten Jahren des vorigen Jahrhunderts hinter seiner Gießerei und Maschinenfabrik Neuhütte, auf der sogenannten Hardt, eine Villa erbauen. Im Jahr 1906 wurde diese bezogen. Im Inneren des geräumigen Hauses befinden sich kunstvolle Stuckarbeiten und Holzvertäfelungen. Nach dem Tod von Peter Girards im Jahre 1918 wurde die Villa mit den Liegenschaften an das Mutterhaus der Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu in Hiltrup verkauft. Im Jahr 1926 richteten diese das Noviziat des Ordens hier ein. In den Jahren 1931/32 wurde ein Erweiterungsbau für eine Kapelle, einen Speisesaal, eine Küche und für Schlafräume erstellt. Im Jahr 1941 beschlagnahmte der Kreis Schleiden nach den Richtlinien des Reichsleistungsgesetzes das Kloster (Missionshaus) und wandelte es in eine Heilstätte für lungenkranke Männer um. Den Missionaren verblieb nur noch ein kleiner Teil der Räumlichkeiten. Gegen Ende des 2. Weltkrieges wurde nach der Bombardierung des Kreiskrankenhauses in Mechernich im Missionshaus in Vussem ein Ausweichkrankenhaus eingerichtet. Nach der Beendigung des Krieges nutzte der Orden es wieder als Noviziat. 1968 verließen die letzten Missionare, Ordensschwestern und Laienbrüder die Stätte, an der sie 42 Jahre segensreich gewirkt hatten. Insgesamt besuchten 364 Studenten das Noviziat in Vussem um sich auf ihre Aufgabe als Priester und Missionar vorzubereiten. Die Familie Heinz Sanden (senior) aus Gelsenkirchen pachtete das ehemalige Kloster und eröffnete am 1. September 1971 eine Einrichtung für Menschen mit seelischen Behinderungen. Im Jahr 1985 verkauften die Missionare vom Heiligsten Herzen Jesu in Hiltrup das Anwesen mit den zugehörigen Ländereien an eine Personengruppe aus Euskirchen. Nach dem Tod von Heinz Sanden im Jahr 2001 wurde das ehemalige Kloster mit dem Grundbesitz von der Familie Helmut Sanden erworben und die Einrichtung weitergeführt. Weiterhin folgten Renovierungsarbeiten und die Errichtung von Erweiterungsbauten. Heute werden hier ca. 60 Personen nach den Vorstellungen von Heinz Sanden (senior) betreut und finden mit einem Schwerpunkt in der hauseigenen Landwirtschaft vielfältige Beschäftigung.“

Pfarrer Markus TrautmannIch vereinbare mit Albert Velser, dass wir im Laufe des Sommers wieder in Kontakt treten, sobald die Neuerscheinung der Vussemer Ortschronik erschienen ist. Inzwischen ist es früher Nachmittag geworden. Ich folge der Beschilderung zum „Aquädukt Vussem“ und besichtige die rekonstruierten Überreste einer römischen Wasserleitung, die einst durch natürliches Gefälle Wasser aus der Eifel nach Köln lieferte. Ich werde daran erinnert, dass auch ich mich langsam auf den Weg nach Köln machen müsste. Ich schwinge mich wieder aufs Fahrrad und verlasse Vussem. Am Bahnhof Mechernich kaufe ich mir eine Rückfahrkarte und fahre wieder in Richtung Westfalen. Eine pralle Historie und die entdeckten Spuren unseres Dülmener Friedrich Kaiser liegen hinter mir. Der Zug fährt ein, die Fahrgäste laufen nach einem Signal über die Geleise zum gegenüberliegenden Bahnsteig.

Der Zug setzt sich in Bewegung. Irgendwo zwischen Euskirchen und Köln sitze ich im Zug. Plötzlich: Eine Störung wird per Lautsprecher mitgeteilt. Der Zug hält. Ich schaue in die weite Landschaft. Ich habe Zeit, Zeit nachzudenken.

Markus Trautmann

Ruf aus den Anden

Die Schwestern wirken ausschließlich bei den Verlassensten und Ärmsten, die keinen Priester haben, wo es keinen Arzt und keine Apotheke gibt, nicht einmal eine Hebamme.